junge Welt 08.01.2007 / Politisches Buch / Seite 15
Als Roadmap – Straßenplan – wurde der
israelisch-palästinensische Friedensplan bezeichnet. Auf einer tatsächlichen
Straßenkarten ließen sich dagegen die Gründe für das Scheitern des
Friedensprozesses ablesen. Dort würde der massive Siedlungsbau in den besetzten
Gebieten ebenso deutlich, wie die Zerstückelung des Landes durch ein System von
strategischen Verbindungsstraßen und Checkpoints und die Drangsalierung seiner
Bewohner durch die Apartheidmauer. Mit der Architektur von Kolonialismus und
Widerstand im wörtlichen und übertragenen Sinn befaßt sich »City of Collision –
Jerusalem and the Principles of Conflict Urbanism.
Führende israelische, palästinensische und internationale
Architekten, Künstler, Soziologen und Stadtforscher, darunter Meron Benvenisti,
Orhan Esen, Derek Gregory, Sari Hanafi, Jack Persekian, Bas Princen, Irit
Rogoff, Salim Tamari und Eyal Weizman, beschreiben in 30 englischsprachigen
Beiträge eine Stadt, die über 80 Jahre des gewaltsamen Konflikts zwischen
Kolonialsiedlern und der einheimischen palästinensischen Bevölkerung zu einem
einzigartigen Laboratorium gemacht haben.
Herausgegeben wurde der opulent gestaltete Band mit zahlreichen
Schwarzweißfotografien und über 40 Karten und Grafiken von den deutschen
Architekten Philipp Misselwitz und Tim Rieniets als Ergebnis des dreijährigen
Forschungsprojektes Grenzgeographien – ein Kooperationsprojekt der Universität
der Künste Berlin, der Bezalel Academy of Art and Design in Jerusalem, dem
International Peace and Cooperation Centre Jerusalem und dem Institute for
Urban Design in Zürich. Ohne Lösungen für den Nahostkonflikt bieten zu wollen,
ist in der Mehrzahl der Beiträge eine Parteinahme für die Palästinenser zu
erkennen.
Analog zum Begriff Genozid prägt der syrische Soziologe Sari Hanafi den
Ausdruck des Spaziozid für das israelische Kolonialprojekt. Ziel ist nicht die
Ermordung, sondern die Vertreibung der Palästinenser aus ihrem angestammten
Land und dessen Inbesitznahme durch zionistische Siedler. Es ist ein Kampf um
die Kontrolle des (Siedlungs-)Raums mit ständig wandelnden Grenzen. Der Krieg
um das Heilige Land wird mit Zement und Steinen geführt, Caterpillar-Bulldozer
haben die Panzer abgelöst. Mit ihnen werden Häuser zur kollektiven Bestrafung
und Vertreibung ganzer Familien eingerissen und Erdhaufen zur Abriegelung
palästinensischer Dörfer aufgeschüttet.
Mauern und Türme als prägendes Motiv kolonialer Architektur
von der britischen Mandatszeit im Palästina der 30er
Jahre bis zum heutigen Mauerbau schildert der israelische Architekt Sharon
Rotbard. Aus den eigentlich defensiven Elementen Mauer und Wachturm werden in
der zionistischen Konzeption vorgeschobene Posten der Kontrolle und Landnahme,
die den Raum zum Schlachtfeld machen. Auch die Apartheidsmauer dient so weniger
dem Schutz vor Selbstmordattentätern sondern der weiteren Annexion
palästinensischen Landes und Wassers.
Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land war das Motto des Begründers des
Zionismus Theodor Herzl. Zur Realisierung dieser Vision mußte die
palästinensische Existenz negiert werden. Der physischen Vertreibung ging die
visuelle Kolonisierung voran, wie ein Beitrag von Issam Nassar zeigt. Ein Bogen
spannt sich hier von Fotografien christlicher und jüdischer Pilger und Siedler
des 19. Jahrhunderts, deren Fotos scheinbar menschenleere biblische Stätten
zeigten, bis zum heutigen Bau der Apartheidmauer. Landschaftsmotive schmücken
so die Innenansicht einer Mauer entlang einer exklusiv für israelische Fahrer
reservierten Verbindungsstraße zwischen Jerusalem und der Westbank, um Siedlern
den Anblick der palästinensischen Dörfer zu ersparen.
Stehen sich an den Checkpoints Kolonisierte und Kolonialisten in feindlicher
Konfrontation gegenüber, so schildert ein Beitrag von Yaakov Garb die »weiche
Seite der Kollision«: palästinensische Taxifahrer in Jerusalem mit ihren
ultraorthodoxen jüdischen Geliebten als Wanderer zwischen den Welten. »Habt ihr
Ostjerusalem besetzt, oder haben wir euch besetzt?« fragt ein arabischer
Taxifahrer seinen jüdischen Kollegen. »Kannst du mit einer arabischen Frau
schlafen? Kannst du dich frei auf den arabischen Märkten bewegen?« Der jüdische
Taxifahrer verneint. »Ich gehe auf der Jaffa Road (in Westjerusalem) einkaufen,
ich gehe, wohin ich will«, entgegnet der arabische Israeli. »Ich esse in euren
Restaurants, schlafe mit euren Frauen und mache eure Arbeit. Ich glaube, wir haben
euch 1967 besetzt.« Dieser ironische Dialog beweist nur die Feststellung von
Karl Marx: Ein Volk, das ein anderes unterdrückt, kann selbst nicht frei sein.
Im Ausblick stellt sich die Frage, wieweit Jerusalem bei aller Einzigartigkeit
heute als Modellfall urbaner Konflikte dienen kann? Checkpoints und Betonmauern
ziehen sich auch durch Bagdad, um die Besatzer vor den Angriffen des arabischen
Widerstands schützen. Und sogenannte Gated Communities markieren auch in
Istanbul oder Los Angeles eine neue Grenze zwischen oben und unten.
Philipp Misselwitz/Tim
Rienits (Hg.): City of Collision – Jerusalem and the Principles of Conflict
Urbanism. Birkhäuser Verlag, Basel 2006, 384 Seiten, englisch, 42.69
Euro